Kinderbischöfe halten der Gemeinde den Spiegel vor

Radiospot Kinderbischöfe (05.02.2003)


Die Nacht vom 5. zum 6. Dezember ist eine wundervolle und geheimnisvolle Nacht zugleich. Viele Kinder stellen in dieser Nacht die geputzten Schuhe vor die Tür, hängen die Strümpfe über dem Kamin auf oder bringen einen Teller vor die Haustür, weil sie alle glauben, dass der heilige Nikolaus oder einer seiner Vertreter etwas Süßes bringen. Waren es früher noch einfache Lebkuchen, Äpfel und Orangen oder in Nachkriegszeiten noch geliebte Kartoffeln oder ein kostbares Brötchen, so warten heute viele Kinder auf Schokoladenriegel, Haribo, Spielzeug, CDs oder sogar auf moderne DVD`s.

Auch in den Dörfern rund um das kleine Dorf in Ottstedt bei Magdala schlafen in dieser Nacht einige Kinder unruhig. Aber nicht nur wegen des nächtlichen Besuches vom heiligen Nikolaus. In der kleinen Dorfkirche St. Nikolai ist es seit mehreren Jahren Tradition geworden, dass ein Kinderbischof gewählt wird, ein begehrtes und beachtetes Amt für die Kleinen.

In einer Andacht zum Gedenken an den heiligen Nikolaus, wird neben den bekannten Liedern, dem Schattenspiel über die Legende und der alten Geschichte des Nikolaus Jahr für Jahr ein neuer Kinderbischof gewählt. Er oder sie hat die Interessen der Kinder vor Ort gegenüber Pfarrer, Bürgermeister und Stadträten zu vertreten. Er oder sie wird gerne eingeladen zu Gemeindekirchenratsversammlungen, Stadtratssitzungen, zu Neujahrsempfängen, tritt in der Öffentlichkeit, in Zeitungen und auch im Radio auf.

Die Wahl des Kinderbischofs ist keine neue Idee des Magdalaer Kirchspiels, sondern geht auf eine sehr alte Tradition zurück. In den mittelalterlichen Dom-, Stifts- und Klosterschulen und Kirchen mit dem Patrozinium des Hl. Nikolaus war der 6. Dezember Hochfeiertag. Der Hl. Nikolaus von Myra war der Patron der Schüler. Darum begann mit der ersten Vesper am Abend des 5. Dezember ein Fest eigener Prägung.

Im heiligen Nikolaus sahen besonders die Schüler ihren Schutzpatron. Denn der Heilige hatte der Legende nach drei dem Tode geweihte Schüler in einem entlegenen Wirtshaus im Pökelfass entdeckt und sie wieder zum Leben erweckt.

Daher kam die hochfestliche Begehung des Nikolaustages in den alten Schulen einem Hochfest gleich.

Die Schüler wählten einen der Ihren zum Bischof, Abt oder Propst. Für den Gewählten lagen die Insignien und das entsprechende Ornat bereit. Die geistlichen Herren sangen am 5. Dezember – den Vorabend zu St. Nikolaus - die erste Nikolausvesper. Aber sie kamen nur bis zum Vers des Magnifikat "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen". In diesem Augenblick zog die Prozession der Schüler mit ihrem Kinderbischof ein. Die hochwürdigen Herren mussten das Chorgestühl räumen. Auch der Bischof oder der vergleichbare Stiftsvorsteher musste seinen Sitz verlassen und räumte ihn dem Kinderbischof. Die Mitglieder des Kapitels oder des Konventes tauschten ihre Plätze mit den Schülern. Nun zelebrierte der Kinderbischof die Vesper zu Ende.1

Von jetzt ab hatte er alle Rechte des Vorstehers zu erfüllen. Dazu gehörte besonders das klösterliche bzw. stiftische Schuldkapitel. Da wurden die alten Herren vor den Thron des Jungbischofs gerufen, um sich ihrer Schuld anzuklagen. Der Lateinlehrer, der das Jahr über zu viele Aufgaben verlangte, der Koch, der zu viel Wasser in die Suppe tat, der Präfekt, der die Rute zu oft gebrauchte. Der Kinderbischof rügte, ermahnte, strafte, gab aber auch Belohnung und Anerkennung in Form von Süßigkeiten.

In ganz Europa gab es im Mittelalter Kinderbischöfe. Sie wurden am Vorabend des Nikolaustages eingesetzt und blieben meistens für einen Tag im Amt. Der "echte" Bischof konnte während dieser Zeit "verkehrte Welt" spielen. Weltliche und kirchliche Repräsentanten hatten sich peinlichen Befragungen zu stellen.

Das Ganze war ein Spiel des Zukünftigen im doppelten Sinne. Zum einen wurde schon jetzt vor "Gericht" gestellt, was an Fehlern und Schwächen im irdischen praktiziert wird und zur Umkehr aufgerufen. Zum anderen würde ja der Tag kommen, da die jetzt Kleinen emporgestiegen sein würden und selbst ihren einstigen Lehrern und Vorgesetzten Lob und Tadel zuerkennen sollten. Mancherorts wurde und wird dieses liturgische Spiel des Rollentausches am Tag der Unschuldigen Kinder, am 28.12. gespielt. Ein Spiel voll jubelnder Fröhlichkeit, aber auch voll nachdenklichen Ernstes! Die Nikolausvesper wurde zum Zukunftsspiel.

Das Amt war ausgesprochen begehrt. In Hamburg gab es einen regelrechten Wettbewerb angesehener und wohlhabender Familien um die Besetzung der Kinderbischofspositionen mit ihren Söhnen. Bei der Einführung wurden den Kindern bischöfliche Gewänder angelegt und die Insignien überreicht: Stola, Hut, Stab und Ring. Wie wichtig die daran anschließende Kinderbischofspredigt genommen wurde, zeigt eine erhaltene Ansprache, die kein Geringerer als Erasmus von Rotterdam verfasste. Nach der Einführung ritt der Kinderbischof hoch zu Pferde durch die Stadt und beschenkte arme Kinder. Mehrmals losten spöttische Äußerungen von Kinderbischöfen, die gegen Senatoren oder Mitglieder des Domkapitels gerichtet waren, Unruhen aus. Der Hamburger Senat sah sich 1304 veranlasst, eine Vereinbarung zu treffen, die allzu satirische Verlautbarungen der Kinderbischöfe unterbinden sollte. Gleichzeitig begrenzte man die finanzielle Aufwendung, die das jeweilige Elternhaus aufzubringen hatte. Von nun an konnten auch Kinder weniger reicher Familien zu Kinderbischöfen gewählt werden.

Es wird oft davon ausgegangen, die Kinderbischofstradition sei durch die Reformation beendet worden. Martin Luther selbst hat sich nie direkt dagegen ausgesprochen. Im 16. Jahrhundert geriet die Tradition in Vergessenheit. Die letzten Spuren finden sich 1634 in Jena und 1774 in der Schweiz. 1900 wurde die Tradition erstmals in Fribourg und 1978 in Luzern wieder neu belebt.2

Die Wahl des Kinderbischofs im kleinen Ottstedt bei Magdala in Thüringen hat eine gute Tradition. Auch an anderen Orten, wie in Göttingen und Hamburg3 , hat der Rollentausch nicht nur symbolischen Charakter der Erinnerung an alte Legenden, sondern trägt der Kommunikation von Kindern und Erwachsenen und vor allem auch der Veränderung bei. Die Kinderbischöfe haben die Aufgabe, für die Belange der Kinder einzutreten und auch Erwachsene dafür zu gewinnen. So wurde in Thüringen im Pfarrgarten bei Ottstedt ein Kinderspielplatz eingerichtet, Sportgeräte angeschafft, die Straßenbeleuchtung auf dem Schulweg verändert und ein Zebrastreifen vor der Grundschule soll durch eine Ampel ersetzt werden. Der Bau von Baumhäusern ist geplant und auch neue Fußballtore sollen her. Eine Spendenkasse für Waise in der strahlenverseuchten Region um Tschernobyl wurde eingerichtet, selbst Terminabsprachen für Kinderkreise und Freizeiten finden mit den Amtsinhabern statt.

Ist die Amtszeit in Hamburg auf die Zeit vom 6. Dezember (Nikolaustag) bis zum 28. Dezember (Tag der unschuldigen Kinder) begrenzt, regiert der Kinderbischof in Thüringen über ein ganzes Jahr lang.

Im letzten Jahr standen zwei Jungen und ein Mädchen zur Wahl. Da sich die große Kinderschar in Ottstedt nicht auf einen Kandidaten einigen konnte, wählten sie gleich alle drei in ihr Amt. Mitra, Bischofsornat und Hirtenstab wurden aufgeteilt. So einfach kann das Teilen von Macht sein!

Die Wahl des Kinderbischofs sollte auch in anderen Gemeinden eingeführt werden. Sie ist Spiegelbild für die Kinderarbeit vor Ort und die Beachtung der schwächsten Glieder in unserer Gesellschaft. Die Lebensbedingungen der "Minderheit" Kinder, ihre Probleme, Ängste, Wünsche und Träume sollten stärker denn je der Erwachsenenwelt vermittelt werden. Die Kinderbischöfe sind Sprachrohr für das Kindsein in einer Gesellschaft, die nur noch leistungs- und ergebnisorientiert ausgerichtet ist. Die Einführung der Kinderbischofswahl auch in den kleinen Gemeinden vor Ort gibt den "Kleinen" die Chance, ins Machtgefüge der "Großen" einzugreifen. Zugleich lernen Kinder Verantwortung für andere wahrzunehmen und eigene Ziele und Wünsche zu artikulieren und umzusetzen. An würdigen Kostümen, einer angemessenen Wahlprozession und der Einräumung auf öffentlichkeitswirksame Arbeit mit den Medien, sollte es nicht fehlen. Die Kinderbischöfe sind eine Bereicherung der eigenen Gemeindearbeit. Die Kinder fühlen sich wieder ernst genommen und haben ihren Stellenwert in der Gemeinde vor Ort.

1.)Th. Schnitzler, Beitrag aus dem kath. Jahrbuch von 1990.
2.)Die Hamburger Kinderbischöfe, herausgegeben von Dr. Ferdinand Ahuis , Helga Friebern Inge Hansen
3.)Am 6. Dezember 1994 fand in der Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern das denkwürdige Ereignis statt, dass drei Kinder durch die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen in ihr Amt als Kinderbischof eingeführt wurden. Nach über 400 Jahren wurde damit eine Tradition wieder aufgenommen, die im Mittelalter in ganz Europa verbreitet war. Der frühere Hamburger Bischof Hans-Otto Wölber schlug 1987, anlässlich von Vorarbeiten zu seinem Buch über die Hauptkirche St. Nikolai vor, in jedem Jahr am Nikolaustag einen Kinderbischof zu wählen und Nikolaus-Legenden vortragen zu lassen. Seit 1994 hat dies in Hamburg Tradition. Die Kinder besuchten alle die Wichern-Schule des Rauhen Rauses, eine große evangelische Schule in der Hansestadt



Predigt Landesbischof

Ein "Herzliches Willkommen" durch unsere Räume schalt,
wir hoffen Sie haben hier einen guten Aufenthalt.
Wir freuen uns, dass Sie uns hier in Magdala besuchen,
drum begrüßen wir Sie mit Kakao und Eierkuchen.

Als Ihre Kollegen haben wir uns gedacht,
wir tragen Ihnen vor, was uns Sorgen macht.
Und schwärmen vom vergangenen Jahr,
wir haben viel geschafft, wir sind sehr dankbar.

Ein Zebrastreifen schmückt vor unserer Schule die Straßen,
Die Autos seit dem - nicht mehr wir früher - so rasen.
Auch das Licht scheint jetzt früher auf dem Schulweg hin,
für die Kinder im Orte ist das ein großer Gewinn.

Der Herr Abgeordnete Mohring mit einem Scheck uns begrüßte,
und unsere Freizeit auf dem Spielplatz im Pfarrgarten versüßte.
Wir haben hier tolle Angebote von Musik, Chor und Kinderland,
was uns mit den Großen in der Kirchgemeinde sehr verband.

Doch auch in diesem Jahr steht viel auf unserem Programm.
Uns geht es zwar gut, doch andere Kinder brauchen unseren Elan.
In Sachsen die Kinder noch immer im Container spielen,
den Tschernobylerkindern im Waisenheim die einfachsten Möbel fehlen.

Auch das Tagesgeld für die Aufenthalte in Thüringen hat das Land weggenommen.
Nun droht die Gefahr, dass die Tschernobylkinder bald nicht mehr zu uns kommen.
Wir sind gut befreundet mit den Kindern aus den betroffenen Gebieten,
wir wollen uns mit ihnen treffen, mit ihnen spielen, singen und erzählen.

Der Frieden in der Welt steht in großer Gefahr,
wir Kinder wollen keinen Krieg, das ist wohl jedem klar!
Doch die Kinder in der Welt werden heute nicht mehr gefragt,
die Erwachsenen entscheiden allein, mancher Einsatz ist gewagt.

Sicherlich verstehen wir nicht alles, was in der Politik so brödelt,
doch der Krieg der bringt Opfer, Eltern und Kinder werden getötet!
Wir möchten Sie bitten, und alle Verantwortlichen die es können,
für den Frieden in der Welt zu sorgen, ohne Waffen und Raketen.

Uns wird ständig erklärt, dass alles auch ohne Gewalt kann gehen,
doch in der Zeitung und im Fernsehen, müssen wir ganz andere Bilder sehen.
Sagen nicht alle: Wir Kinder sind die Zukunft von morgen?
Dann wollen wir Euch bitten, auch dafür zu sorgen!

Streicht nicht alle Mittel für Freizeiten, Mitarbeiter und ABM,
Bei den Kindern zu streichen ist wahrscheinlich sehr bequem.
Doch das was ihr einspart bringt Kummer, kein Glück,
denn es fällt auf die Zukunft von uns Kindern zurück.

Wir freuen uns dass Sie hier sind und uns zuhören wollen,
wir bedanken uns bei der Zeitung, beim Radio und beim Fernsehen.
Wir Bischöfe von Magdala - das müsst Ihr verstehen,
wir wollen die Interessen aller Kinder vertreten.

Und rufen auch die Kinder in anderen Gemeinden auf,
vertreten Eure Meinung und achtet immer darauf.
Jesus hat gesagt, die Welt gehört auch in Kinderhände,
dass wollen wir tun, damit sei unsere Predigt zu Ende.




Quelle: Benjamin - Dezember 2006